LogiMAT 2018: Vorreiter der Industrie 4.0


Eingang zur Logimat

LogiMAT 2018, Foto: Varesi

Alle Jahre wieder findet in Stuttgart die LogiMAT, als Leitmesse für Intralogistik statt. Was für Laien furchtbar langweilig klingt, eine Messe für Lagerlogistik, ist in Wirklichkeit ein Schaulaufen der neuesten Entwicklungen der Industrie 4.0. Denn schon seit langem hat Hochleistungsautomatisation in den Lagerhallen der großen Handelsunternehmen Einzug genommen. In den letzten Jahren haben die starren, schienengeführten Regalbediengeräte Konkurrenz durch flexible Shuttlesysteme bekommen, die entlang der Regalebenen herumflitzen und Waren einlagern und entnehmen. Und auch dieses Jahr geht die Flexibilisierungsrallye munter weiter.

Überall wuseln autonome Roboter herum

FTS von Flexlog

Stand von Flexlog, Foto:Varesi

Wie es scheint, hat die gute alte Fördertechnik bald ausgedient. Wer Waren innerhalb des Lagers von A nach B transportieren möchte, der benötigt heute keine teuren und starre Bandstraßen mehr, sondern kann sich für relativ kleines Geld eine Flotte autonomer Roboterfahrzeuge zulegen. Je nach Bauart können diese einzelne Ladungsträger, Paletten oder ganze Regale in der Gegend herumfahren. Sie sind flexibel, statt Schienen zu verlegen genügt es, eine Linie auf dem Hallenboden zu ziehen oder sie folgen dem Lagerarbeiter ganz von selbst wie ein gut erzogener Hund. Diese Fahrzeuge sind nicht nur ideal für kleinere Unternehmen sondern auch für die ganz großen online Händler die für die Abwicklung von Losgröße 1 Bestellungen maximale Flexibilität benötigen.

Autostore übernimmt Halle 1

Autostore am Stand von Elementlogic Foto: Varesi

Stand von Elementlogic, Foto: Varesi

Ein anderer Trend ist die Verdichtung von Lagerflächen gerade in Ballungszentren in denen jeder Quadratmeter Fläche bares Geld ist. Schon seit ein paar Jahren bietet Autostore hier eine clevere Lösung, die für das Ein- und Auslagern keine Gassen zwischen den Regalen benötigt, sondern bei der die Behälter durch Roboter von oben entnommen werden. Dass Autostore damit großen Erfolg hat zeigt die Tatsache, dass das System in Halle 1 nicht nur von seinem Hauptdistributor sondern auch von Branchengrößen wie Swisslog und Hörmann Logistik aber auch von kleineren Planungsbüros angeboten wird.

Roboter statt Hostessen

Kuka Roboter am Stand von Swisslog

Stand von Swisslog, Foto: Varesi

Und auch das manuelle Kommissionieren und Picking von Artikeln wird immer häufiger von kleinen, smarten 6-Achs-Robotern übernommen. Selbst das Entnehmen einzelner Artikel aus herkömmlichen Regalen mithilfe eines Roboters, dem Magazino Toru, setzt sich immer stärker durch. Ob die Idee, die Hostessen am Ausschank des Swisslog-Standes durch einen Roboter aus dem Mutterkonzern Kuka zu ersetzen, Schule machen wird, sei jedoch dahingestellt.

Roboter zum Selberbauen

Selbstbauroboter am Stand von Igus

Stand von igus, Foto: Varesi

Wer glaubt, Robotik sei ein Hexenwerk, das nur die ganz Großen beherrschen, der täuscht sich. Die Firma igus bietet beispielsweise mit robolink® alle Komponenten an, um sich einen professionellen Roboter selbst zusammenzustellen. Sogar Humanoide sollen damit möglich sein. Ein eigener Konfigurator auf der Homepage von igus hilft auch unerfahrenen Roboterbauern die richtigen Komponenten zusammenzustellen.

 

Künstliche Intelligenz für fehlerfreies Picking

Intelligenter Roboter am Stand von TGW

Stand von TGW, Foto: Varesi

Lange Zeit galt menschliche Intelligenz und Flexibilität beim Einsortieren von Waren als unschlagbar. Roboter waren schlicht mit der Komplexität der Aufgabe überfordert. Doch der Picking-Roboter am Stand von TGW konnte deutlich zeigen, dass mit Hilfe Künstlicher Intelligenz und Deep Learning auch diese letzte menschliche Bastion gefallen ist. Egal wie verquer unterschiedlichste Artikel in den Warenträgern liegen, die KI sorgt dafür, dass immer exakt die gewünschte Menge entnommen wird. Und wenn mal ein Fehler passiert, ein Artikel beispielsweise dem Greifarm entgleitet, erkennt der Roboter dies und behebt nicht nur den Fehler selbstständig, sondern er lernt aus diesen Fehlern und vermeidet sie in Zukunft.

3D-Vermessung der Welt

3D-Volumensmessung am Stand von KHT

Stand von KHT, Foto: Varesi

Voraussetzung für diese Eroberung der unordentlichen Welt der Menschen ist, dass sich die Maschinen mit ihrer Künstlichen Intelligenz ein möglichst exaktes Bild der Realität machen können. Hierzu sind 3D-Sensoren von zunehmender Bedeutung. Zahlreiche Anbieter, wie Sick, Datalogic oder KHT, haben auf der LogiMAT gezeigt, wie sie diese Herausforderung lösen. Egal ob mit superschnellem Lichtvorhang, Time-of-Flight Kameras oder Stereoskopie, es gibt für jede Anwendung eine Lösung. Einziger Haken, all diese 3D-Scanner benötigen eine feste Installation.

 

Analgenvisualisierung per Virtual Reality

VR am Stand von Kaiser+Kraft

Stand von Kaiser+Kraft, Foto: Varesi

Aber nicht nur für Maschinen werden immer öfter 3D-Abbilder benötigt. Die meisten Systemintegratoren und Ausrüster, wie Viastore, Unitechnik oder Kaiser+Kraft präsentieren ihren Kunden ihre Anlagenpläne mittlerweile virtuell per VR-Brille und das in so hoher Qualität, dass damit sogar das Personal bereits dann geschult werden kann, wenn die Anlage noch in Bau ist. Ich konnte mich beispielsweise selbst als Lagerist versuchen und via VR-Controller virtuelle Pakete an sehr real wirkenden Packstationen kommissionieren. Werden Anlagen in bestehende Hallen eingebaut, so geht der Trend immer mehr dahin, diese Hallen via Indoor-Drohnen zu vermessen, was den Planern die leidige Arbeit abnimmt, die vorhandene Infrastruktur aufwändig in CAD nachzubauen.

 

Picking per Augmented Reality

Autor am Stand von SSI Schäfer

Autor am Stand von SSI Schäfer, Foto: Varesi

Noch in den Kinderschuhen steckt die Idee, Lagerarbeiter statt per Sprachbefehl (Pick-by-Voice) oder Lämpchen an den Regalen (Pick-by-Light) via Augmented Reality (AR) zu den zu kommissionierenden Waren zu führen. Dabei soll in der AR-Brille genau an der Stelle, an der der gewünschte Artikel steht, dieser farblich hervorgehoben werden. Voraussetzung ist aber, dass das virtuelle Abbild des Lagers räumlich exakt mit dem realen Lager übereinstimmt. Zwei Dinge sind heute noch nicht befriedigend gelöst. Zum einen die exakte 3D-Erfassung der Umgebung in Echtzeit und zum anderen eine AR-Brille, die so leicht und komfortabel zu tragen ist, dass ein Lagerist sie über eine ganze Schicht hinweg problemlos nutzen kann. Die auf der LogiMAT vorgestellten Ansätze von SSI Schäfer, Gebhardt und TGW sind dann doch noch weit von einer Alltagstauglichkeit entfernt. Ich persönlich empfand die AR-Brillen als zu schwer und zu unhandlich, die eingeblendeten Informationen waren unscharf und schlecht zu erkennen und die Einblendungen waren auch noch nicht deckungsgleich mit der realen Umgebung.

Zalando – Schrei vor Wut

Penis-Graffiti und getunte Plakate bei Zalando

Foto: Dandy Diary/Dimitri Lambrecht / Noizz.de

Wer ein Gefühl bekommen möchte, was uns auch außerhalb der Logistik bzgl. Industrie 4.0 in den nächsten 5 bis 10 Jahren erwartet, der konnte sich auf der diesjährigen LogiMAT ein realistisches Bild hiervon machen. Meines Erachtens ist hier eine Entwicklung in Gang gesetzt worden, die uns unaufhaltsam auch in der Produktion, am Bau und in vielen Servicebereichen begegnen wird. Die Maschinen erlangen menschliche Flexiblität, Lernfähigkeit und fachliche Kompetenz. Ein Segen für all die Branchen, die unter Fachkräftemangel leiden, ein Fluch für all die Mitarbeiter, die dadurch ihren Job verlieren werden. Und das sind nicht zwangsläufig schlecht ausgebildete Hilfskräfte. So schockierte diese Woche Zalando mit der Meldung, 250 Marketingmitarbeiter durch Künstliche Intelligenz ersetzt zu haben. Die Betroffenen schreien, aber nicht vor Glück sondern vor Wut; einer Wut, der sie mit Penis-Graffitti im Firmenaufzug und gefakten Werbeplakaten Ausdruck verliehen haben.

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